Unaufhörlich metastasiert das Internet. Schier ungehemmt breiten sich digitale Einflusssphären und soziale Blasen aus. Sie wirken tief in den Gesellschaftskörpern. Kodak, Neckermann und viele andere – die digitale Revolution hat innert weniger Jahre hunderttausende Arbeitsplätze hinweggefegt. Verheerend auch der Aderlass in der Medienbranche.

Die Verlage bluten. Hunderte Stellen wurden in den letzten Jahren hierzulande schon abgebaut. Und der Abbau geht weiter. In Graubünden und Berner Oberland, im Mittelland oder in Zürich und der Romandie. Als ob technologische Umwälzungen und Marktzwänge nicht schon genug zerstörend wirkten, versuchen auch noch libertäre Jungbürger die Medienlandschaft zu verwüsten. Mit einer Volksinitiative wollen sie die SRG-Empfangsgebühren abschaffen. Auf einen Schlag gingen so über 6000 Jobs verloren.

apple

„Die Zukunftsarchitekten aus Silicon Valley arbeiten nicht am Gemeinwohl, sondern an einer vernetzten Wirtschaft und einer Gesellschaft, die niemandem nutzt als ihren mächtigen und reichen Eigentürmern“ (1) – Applezentrale, libertäre Macht(mono)pole

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Öffentlichkeit 4.0

Das Internet liquidiert Berufsarbeit. Erst waren die Fotofacharbeiter dran, dann Reiseberaterinnen, Schalterangestellte,  Musikerinnen, Menschen in der Hotellerie (Airbnb), Taxifahrer (Uber) und immer wieder Medienfachleute. Die Situation der Produzenten ist – gelinde ausgedrückt – ernüchternd. Die KonsumentInnen können handkehrum nicht genug bekommen. Tatsächlich sind mehr Informationen und Unterhaltungsangebote denn je zugänglich. Noch. Denn irgendwer muss Inhalte jenseits von kaum beachtetem DIY-Content produzieren. Und finanzieren. Bald wäre es sonst vorbei mit der Vielfalt im Netz. Irgendwie klappt das mit der Finanzierung aber einfach nicht. Die Einnahmen für Online-Werbung wachsen nur mässig, während sie im Printbereich weiter einbrechen.

„Online ist die Refinanzierung von aufwändigem Journalismus nicht sichergestellt,“ bestätigt Michael Ringier. Wenn es so weitergeht, wird unabhängiger Journalismus unbezahlbar. Nur Querfinanzierung oder Mäzenatentum hält die Verlage dann noch über Wasser. Dabei bleibt oft schleierhaft, wer genau auf Publikationen Einfluss nimmt. Um Inserenten nicht zu verärgern, toleriert Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument mittlerweile redaktionelle Einschränkungen. Markus Somm, ebenfalls Verleger und im Präsidium des Verlegerverbandes, rät Inserenten gar, „wenn ihr nicht zufrieden seid mit den Medien, müsst ihr aufhören, Inserate zu schalten.“ So leichtfertig verspielen Verleger ihre Glaubwürdigkeit. Mit Mäzen Christoph Blocher im Rücken hat Markus Somm diesbezüglich ja nichts mehr zu verlieren. Seine Abhängigkeit hat er auf sicher. Alarmierend sind solche Stimmen aus der Oberschicht des Journalismus aber alleweil. Sie schädigen auch Publizisten, die sich gegen Druckversuche stemmen. Gut möglich, dass dies zum listigen Kalkül übernahmefreudiger Konkurrenten gehört.

Technologien, Hegemonialschlachten und ein aufgestacheltes Stimmvolk treiben die mediale Melioration voran. Mittendrin die SRG. Trotz aller Unbill versucht sich die öffentliche Sendeanstalt für die Zukunft zu rüsten. Sie geht mit Privaten eine Werbeallianz ein oder bietet Verlegern Kooperationen an. Kooperationen, um einander zu stärken und Marktanteile zu halten. Kooperation um des Wettbewerbs willen – coopetition – ist im Netzzeitalter eine Selbstverständlichkeit“, meint Roger de Weck. Damit will er die bedrohte Medienlandschaft vor internationalen Medienkonzernen und Netzgiganten schützen.

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GCHQ

„Der Web 2.0-Kult der Transparenz und Offenheit sowie der Glaube an die Weisheit der Massen hat ironischerweise eine undurchsichtige und von anonymen Eliten kontrollierte Bürokratie hervorgebracht“ (1) – GCHQ, staatliche Gegenverklärung

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Dazu gehört, sich dem jobfressenden Monster Internet zu stellen und also über die Zukunft im digitalen Ökosystem nachzudenken. Ein künftiger Service public soll mediale Segregation verhindern und garantieren, dass weder Wütbürger noch Eliten den Diskurs dominieren: „Medialer Service public einer digitalen Welt bedeutet, einen politisch und finanziell unabhängigen Kontenpunkt darzustellen, der für Meinungsvielfalt und für den Austausch zwischen verschiedenen Interessengruppen sorgt.“ (2) Nun klingt das so, als würden Halter von Pferdefuhrwerken empfehlen, von Dampfmaschinen angetriebene Laster dürften nicht schneller als Schritttempo fahren. Griffiger werden die AutorInnen des Gottlieb Duttweiler Instituts da, wo sie die SRG nicht mehr als Sender, sondern als Plattform beschreiben, „die Inhalte produziert, vernetzt und sie über eigene wie auch fremde Kanäle verbreitet (…) Nutzerorientierte, durch Algorithmen bestimmte, individualisierte Inhalte ersetzen sukzessive ein fixes Programm…“ (2)

Ähnlich eine vom ORF in Auftrag gegebene Studie von 2012: „Das Ziel ist es, nicht nur zu informieren, um somit die Meinungsbildung des Bürgers zu unterstützen, sondern als Katalysator für die Formierung gemeinsamer Identitäten und Solidarität zu fungieren. Diese Sichtweise steht in starkem Kontrast zu einer marktorientierten Sichtweise, die zu spezialisierten Angeboten und Nischen­-Kanälen führt und schlussendlich zur gesellschaftlichen Dissoziation beitragen kann.“ (3) Damit öffentlich-rechtliche Sender ihrer Aufgabe auch online gerecht werden können, müssen die von der Politik auferlegten, unsinnigen Einschränkungen der Handlungsfreiheit gelockert werden. Auch wenn das den Verlegern nicht passt. „Online ist die Zukunft der Medien, ob privat oder öffentlich. Die Opposition der Verleger geht immer noch davon aus, dass Online das Gleiche sei wie eine Zeitung. Doch das ist nicht so,“ sagt Medienforscher Otfried Jarren im Interview. Das müsste mittlerweile allen klar sein.

Wer denkt, aufgrund der Informationsfülle und Unterhaltungsmöglichkeiten im Internet würden öffentlich-rechtliche Sender obsolet, irrt. Aus dem Mangel der Gründerzeit wurde Überfluss. Wir leben im Gegenwartsschock, „in einem Zustand ständiger Ablenkung, in dem wir das Unwichtige nicht mehr vom Wichtigen unterscheiden können.“ (4) Die digitale Kluft öffnet sich zwischen jenen, die sich die verfügbaren Wissensquellen kompetent erschliessen und der Mehrheit, die überwiegend bei facebook oder youtube hängen bleibt und allenfalls Soft-News streift. Mit der digitalen Kluft verstärkt sich auch die Wissenskluft. So wirkt der Überfluss auf heterogene, hochvernetzte Gesellschaften ähnlich wie der Mangel: Desinformation, Orientierungslosigkeit, Isolation etc.: „Es wird deutlich, dass die Mechanismen der Klassen- oder Schichttheorien auch in der Informations- und Wissensgesellschaft noch Gültigkeit beanspruchen. (…) insbesondere für den Bildungsbereich (kann) die Reproduktion von Ungleichheitsmustern empirisch nachgewiesen werden.“ (5) 

 

elysium

„Ihr Ziel besteht darin, zu wachsen, ihre Märkte zu beherrschen und neue Märkte zu erobern“ (1) – Eylsium, der libertären Hölle entkommen

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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk kann die Kluft schliessen: die Angebote sind populär, für alle uneingeschränkt zugänglich und das für alle Nutzerinnen gleichermassen bei stets hoher Qualität. „In dieser Welt zählt aus gesellschaftlicher und demokratiepolitischer Sicht, vielleicht am Ende aus individueller Einsicht, nicht bloss die Effizienz der raschen Informationsfindung, sondern serendipity – die überraschende Konfrontation mit Neuem, Heterogenität und Vielfalt.“ (3) Doch diese Begegnungen mit dem Unerwarteten und Unbekannten sind nicht im Sinn der libertären Neofeudalisten. Die unsichtbare Hand des Marktes soll versteckt agieren, geheim, wie die Briefkastenfirmen in Panama oder Delaware.

„Die Dunkelheit und die Blindheit sind für alle ökonomischen Akteure absolut notwendig. Das kollektive Wohl darf selbst nicht anvisiert werden, weil es wenigstens innerhalb einer ökonomischen Strategie nicht berechnet werden kann (…) die Welt der Wirtschaft muss für den Souverän dunkel bleiben und kann nichts anderes, als dunkel zu bleiben…“ (6) Wenn wir wollen, dass die besten Köpfe nicht nur darüber nachdenken, wie sie uns zum anklicken von Werbung verführen könnten, wenn wir uns dazu entschliessen, die Medienbranche nicht von Silicon Valley-Milliardären und deren mächtigen Aggregatoren ausbeuten und verschlingen zu lassen, bis Online-Trödler und von einer rechtspopulistischen Politerklasse gespeiste Publikationen übrig bleiben, dann sollten wir uns für eine dynamische, autonome Publizistik stark machen.

Bis auf einige von ideologischem Eigennutz gefangene, antiquierte Romantiker scheint es den Akteuren allmählich zu dämmern. Von der SRG als möglicher Freund und Helfer  würden Verleger und die SRG gleichermassen profitieren. „Vielfältige Kooperationen mit unterschiedlichen Partner sind zwar unter wettbewerblicher Sicht schlechter als Marktkonkurrenz. Wenn aber die Marktkonkurrenz nicht mehr funktioniert, sind sie besser als Monopole oder Oligopole. Dabei ist auch punktuelle Zusammenarbeit wichtig und sollte dort, wo sie Sinn macht, ermöglicht und forciert werden.“ (7) Der Einigungsprozess dürfte zäh verlaufen. Immerhin scheint das Packeis langsam brüchig. Zu hoffen ist, dass sich das nach rechts gerutschte Parlament nicht bequem zurücklehnt und unser Mediensystem der Kraft der schöpferischen Zerstörung überlässt, sondern im Sinne der Demokratie verantwortlich handelt. Etwas schöpferische Gestaltungskraft wäre unseren Politikerinnen doch zuzumuten.

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(1) aus „Das digitale Debakel“ von Andrew Keen

(2) aus „Öffentlichkeit 4.0“ von Karin Frick, Kaub Samochowiec, Detlef Gürtler

(3) aus „Die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien im Internet“ von Viktor Mayer-Schönberger, Attila Marton

(4) Douglas Rushkoff, „Present Shock“, zitiert aus „Öffentlichkeit 4.0“ von Karin Frick, Kaub Samochowiec, Detlef Gürtler

(5) Nicole Zillien, „Digitale Ungleichheit“, zitiert aus „Digitaler Medienalltag und soziale Differenzierung“ von Peter Seeger

(6) aus „Die Geburt der Biopolitik“ von Michel Foucault

(7) aus „Zusammenarbeit statt Konkurrenz“ von Stephanie Grubenmann und Stephan Russ-Mohl, Università della Svizzera italiana

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Empfehlung

Der Presserat zum Boykott der Medien durch die werbende Wirtschaft (November 1994)

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