„Söll emol cho“ riefen sich die Menschen jahrelang zu, während sie über die Szene mit versteckter Kamera schmunzelten. Das sexualisierte Berufsleben der „Pornoheidi“ aus St. Moritz versetzte die Schweiz über Monate in Wallungen und den „Fall Carlos“ debattierten wir hierzulande durch alle soziale Schichten. Ungeachtet dieser gesellschaftlichen Wirkungen behaupten einige Leute, Medien würden nichts zur Kohäsion des Landes beitragen.

Olivier Kessler vom NoBillag-Komitee versteht nicht, was der nationale Zusammenhalt mit voneinander getrennt fernsehenden Romands oder TessinerInnen zu tun haben soll. Der von der SRG vertretene „Mythos der nationalen Kohäsion“ beruhe auf Realitätsverweigerung oder EigennutzOlivier Kessler ist es aber, der in seinen Texten eigennützige Realitätsverweigerung betreibt. 

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soell Söll emol cho – „die ganze Schweiz hat das erzählt“

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Medienpolitiker ohne Sachkenntnisse

Wer eine Volksinitiative lanciert, braucht von der thematisierten Materie keine Ahnung zu haben. Es geht ohne Sachkenntnisse. Oft sind Volksinitiativen emotional oder ideologisch begründet. Die NoBillag-Initiative ist hierfür beispielhaft. Es genügt Empfangsgebühren als Raub, als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrzunehmen. Alle anderen Aspekte bleiben marginal. Da Olivier Kessler folglich argumentativ wenig im Köcher hat, kompensiert er den Mangel mit brachialem rhetorischen Vorschlaghammer (Pfründe in Gefahr (…) Gebührenzahler wie Zitronen ausgepresst (…) Staatsmonopolsender (…) ignorieren in ihrem Krieg den Willen der Menschen“ und – geradezu zwanghaft – vierzehn Mal den Begriff Zwang in den Text gesetzt). Der Irreführung nicht genug, schönt er auch noch Fakten. 150’000 Menschen hätten mit ihrer Unterschrift bewiesen, dass von der durch die SRG geförderten nationalen Kohäsion keine Rede sein könne. Es waren aber bloss 112’191 Unterschriften. Ausserdem sind die mit falschen Angaben zur Unterschrift verführten zwei Prozent der SchweizerInnen noch lange kein Beleg für mangelnden Zusammenhalt. Im Gegenteil. Unterschriften sammelnde Akteure zeugen gerade umgekehrt von vitalem Zusammenhalt und Vertrauen in die Gemeinschaft.

Der neue Parteipräsident der CVP Gerhard Pfister diagnostiziert ähnlich nichtsahnend aber im Brustton der Überzeugung wie NoBillag-Initianten „eine Überhöhung des Service public zum allüberall selig machen [sic!] nationalen Zusammenhaltsleim.“ (1) Da die Rechten volle Pulle zum Sturm auf den Staat blasen, bezeichnen sie so ungerechtfertigt wie unnachgiebig die privatrechtlich organisierte SRG als Staatssender. Das zieht immer. Kesslers Sozialkitsch und Pfisters naive Unerschrockenheit mögen ihre Klientel bezirzen. Doch mit ihrem ideologisiert-entrüsteten Populismus trüben sie den Diskurs, anstatt ihn zu erhellen.

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laetita

Heidi im Pornoland – „Schilderungen sorgten landesweit für böses Blut“

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Integration durch Kommunikation

Menschen einigen sich und finden einen inneren Zusammenhalt (Kohäsion), indem sie untereinander Informationen austauschen. Sie kommunizieren in Teamsitzungen, am Familientisch, in Kirchen, Vortragssälen, Gemeindeversammlungen etc. In solch überschaubaren Kommunikationseinheiten braucht es kaum zwischengeschaltete technische Medien. Sollen Informationen aber gleichermassen von Aadorf bis Zuoz, Bellinzona oder Yverdon verfügbar sein, bedienen wir uns der Massenmedien. Für die kollektive Willensbildung in pluralistischen Gesellschaften ist die medial vermittelte Analyse und Einordnung verschiedenster Lebenszusammenhänge unentbehrlich.„Integration als Konstruktion sozialer Realität vollzieht sich im Wesentlichen durch Kommunikation. Da die gesellschaftliche Kommunikation in der modernen Gesellschaft sich weitgehend über Medien vollzieht, kommt den Massenmedien eine zentrale Funktion für (Integrations-) Diskurse (als Vermittler (…) zu.“ (2)

Diese Vermittlerrolle ermöglicht es, Debatten unter möglichst vielen TeilnehmerInnen – also in der Öffentlichkeit – effizient zu führen. Ohne die Schrankenlosigkeit öffentlich finanzierter Massenmedien würde deliberative Anteilnahme zum Privileg von Eliten. Das sieht offenbar auch der CVP-Präsident Gerhard Pfister ein: „Wenn also etwas den nationalen Zusammenhalt sichert, ist es nicht das Schweizer Fernsehen, sondern dann sind es die Inhalte, die das Schweizer Fernsehen überträgt.“ (1) Eben! Die Inhalte! Weil Pfister aber Inhalte über Herstellungsbedingungen und Preise definiert und nicht über den Inhalt selbst, kann er Charlotte Roche mit Charles Lewinsky oder Heino mit Heiner Müller gleichsetzen. Er differenziert nicht zwischen den von Verwertungsimperativen geprägten Inhalten privater Sender und den Bildungsprämissen der SRG. Deshalb zieht Gerhard Pfister aus seinem korrekten aber unvollständigen Befund die falschen Schlüsse. Er meint, wenn SRF vorgebe den nationalen Zusammenhalt zu sichern, sei dies „nüchtern betrachtet, reine Selbstverklärung.“ (1) 

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carlos

Fall Carlos – „Gegenwind war zu erwarten, aber keine mediale Hatz“

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Nüchtern betrachtet behauptet niemand ausser SRG-Gegnern, der nationale Zusammenhalt werde durch die SRG gesichert. Richtig ist, dass die SRG zur Kohäsion beitragen soll (RTVG Seite 1688). Kohäsion ist aber ein permanent andauernder Prozess und kein unbewegliches Objekt, das sich wie ein Geldschrank oder die Landesgrenze verteidigen lässt und schon gar kein „freiwilliger Zusammenschluss von Bürgern (…) um zusammen für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen“. (4) Olivier Kesslers von Abenteuerromanen inspirierte Kitschversion einer heroischen Willensnation ist nationalkonservative Propaganda, die selbstverständlich auch nur dank massenmedialer Kommunikationsprozesse funktioniert. Er bedient einen Mythos und damit eines von unzähligen Denkbildern, zwischen denen Medien vermitteln können. „Es gibt eine erhebliche Variationsbreite kultureller Elemente, viele Unsicherheiten und eine Menge Dissens. Doch das Gesamtensemble ist nicht einfach chaotisch, ohne jede Art von Ordnung oder Muster.“ (3)

Journalistische Vermittlungsarbeit reduziert die Komplexität des Chaos. Wo aber die Forumsfunktionen der Medien nicht genügen – sei es, weil die Ereignisse zu langsam oder ungenau verarbeitet, Argumente ausgeschlossen oder journalistische Leistungen permanent diskreditiert werden – versagen teils auch die Integrationsfunktionen der Medien. Wenn zudem subalterne Autoren wie Kessler oder Pfister den submedialen Raum besetzen, schwindet das Vertrauen in die Berichterstattung (Lügenpresse-Vorwurf) und gesellschaftliche Konflikte schwelen unbewältigt in hermetischen Teilöffentlichkeiten, bis sie im Extremfall als terroristischer Akt oder Revolte in Realräume expandieren.

Unseren neoliberal-libertären Autoren liegt weniger an sozialer Aufruhr als an kapitalistischer Desorientierung und Destruktion. Ganz nach Schumpeters Auffassung einer schöpferischen Kraft der Zerstörung. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Medien verlieren die Mitglieder der Gesellschaft die Kontrolle über die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage. Jürgen Habermas hat den Strukturwandel der Öffentlichkeit schon vor fünfzig Jahren scharfsinnig beschrieben. „Massenkultur erwirbt sich ihren zweifelhaften Namen eben dadurch, dass ihr erweiterter Umsatz durch Anpassung an die Entspannungs- und  Unterhaltungsbedürfnissen von Verbrauchergruppen mit relativ niedrigem Bildungsstandard erzielt wird, anstatt umgekehrt das erweiterte Publikum zu einer in ihrer Substanz unversehrten Kultur heranzubilden.” Massenmedien vermitteln so „eine Art von Erfahrung, die nicht kumuliert, sondern regrediert.“ (5) Anders ausgedrückt: Olivier Kessler und Gerhard Pfister geht es nicht um nationalen Zusammenhalt oder geknechtete Zwangsgebührenzahler, sondern um die Infantilisierung des Publikums. Dieses zerfällt in isolierte, bereitwillige Konsumsubjekte, von denen Märkte nie genug bekommen können.

Schliesslich bleibt es still am Familientisch. Teamsitzungen entfallen weisungsbedingt. In Kirchen sitzen wir nur zur Abdankung – Gelegenheiten zum Räsonnement versiegen. Für potente Interessenvertreter ist nun die Bahn frei für von Eigennutz getriebene Realitätsveränderungen.

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(1) aus „Weniger Staat – mehr Fernsehen“ von René Scheu (Artikel als PDF)

(2) aus „Gesellschaftliche Integration durch Medien?“ von Otfried Jarren (PDF ab Seite 22)

(3) aus „Der Sinn von Öffentlichkeit“ von Bernhard Peters

(4) aus „Realitätsverweigerung oder Eigennutz?“ von Olivier Kessler

(5) aus „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas

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