Seien wir mal nicht so korrekt. Hauptsache, es rockt. Halbbatzig zuhören genügt. Bloss nicht darüber nachdenken, was ist. Geschichtsblind suchen, was einem passt. Alles andere wäre der eigenen Welt fremd. Doch Obacht; Politiker wissen mit Weltverfremdung umzugehen. Zum Beispiel Donald Trump.

Der ist im Gespräch. Kein Präsidentschaftskandidat verschafft sich mehr Aufmerksamkeit als Trump. Mit seinen Provokationen, mit jedem wohl überlegten Tritt in Fettnäpfchen fiedelt Donald Trump der skandallüsternen Medienindustrie ein paar Stimmungsbögen. In deren Pflichtenheft steht aufwühlen statt aufklären. So vernachlässigen Medien ihre Pflichten. Das System wird von den falschen Impulsen getrieben. Es ist wie bei einem Crack-Dealer: Er richtet entsetzlichen Schaden an, aber solange die Leute Crack kaufen, ist in seinem Viertel alles okay“meint Jon Stewart. (1) So lange Trump andere beleidigt oder bedrängt, so lange blinken Kameras und Mikrophone. Danach werden seine halluzinogenen Info-Dosen auf allen Kanälen gedealt und in das mediale Äthersystem gepumpt.

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Albträumerischer Plot

In unserer reglementierten, von Handlungszwängen durchdrungenen Welt wirkt Vulgäres authentisch. Wir glauben, da sage einer, was er denkt. Donald Trump sagt zuerst, was Globalisierungsstrauchler, Islamverängstigte und prekarisierte Marktwirtschaftsverlierer als Labsal empfinden. Er verspricht Abschottung, Sicherheit, neue Grösse und damit das Blaue vom Himmel. Je überrissener Trumps Vorstellungen, desto weniger bedürfen sie einer realistischen Begründung. Donald Trump ist ein Zauberkünstler, der mit seinen Tricks scheinbar die Schwerkraft ausser Kraft setzt. Wie alle Zauberkünstler übertölpelt er jedoch nur die Wahrnehmung. Der perfekte Illusionist. Weltverfremdend.

Wenn dann schliesslich die Kasse klingelt, ist trotz aller Abscheu auch das Establishment versöhnt. „Donald Trump hat einen neuen Flügel eingebracht, Wähler, die wir vorher nicht hatten“, gibt der republikanische Vorsitzende des Repräsentantenhaus Paul Ryan klein bei. „Das ist eine bemerkenswerte Leistung.“ Egal, wie die Leistung zustande kam. Er ist stark, er ist schlau, er ist gemein, er ist gewalttätig“, sagt Donald Trump über seinen kleinen Sohn.Alles Eigenschaften, die ein ordentlicher Geschäftsmann braucht.“ Auch ein ordentlicher Politiker?

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Make America Great Again mit Glamour, Geld, Gewalt, Gemeinheit und Grenzüberschreitung 

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Trump hält sich nicht an Machbares – das Marketingprinzip auch der SVP. Wie jeder Populist beutet Trump die Wünsche und Träume des Publikums aus. Der Weihnachtsmann der Politelite dominiert mit seinen Vorstellungen die Realisierbarkeitsideen der WählerInnen. Urs Gehriger verklärt in der Weltwoche diese aus der Werbung bekannte Beihilfe zur Selbsttäuschung. Es sei ein wettbewerbliches Gerangel und „Stahlbad für jeden Präsidentschaftsanwärter.“ Trump hole die Kandidaten aus der Reserve: „Er testet ihre Nerven und ihre Argumente. Das ist ein Kernelement gelebter Demokratie.“ Im gnadenlosen Wettkampf zählt aber nur der Sieg. Keine Argumente. Auf Grundwerte und demokratische Normen pfeift Donald Trump. Sein Gebaren ist daher kein Kernelement gelebter Demokratie, sondern die Kernspaltung einer ohnehin schon strapazierten Demokratie.

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Rollenspiele des Politainments

Nebst Donald Trump bedienen sich auch andere Polit-Entertainer der unbedachten Rede wider den Mainstream oder eine sogenannt politische Korrektheit. Unbeeindruckt lässt sich so auch auf Barbarei insistieren, was in faschistoide Verwirklichungsphantasien münden kann. Repression, autoritärer Charakter, Reaktion, bügerliche Kälte – es sind die (Erfolg-) Reichsten, die Trumps, Blochers, Berlusconis, Putins oder Le Pens, die Topprofiteure vitaler Gesellschaften, die sich als Widersacher der etablierten Parteien und Wirtschaftseliten aufspielen. Ausgerechnet! Warum? Gerade jetzt?

Ein Blick zurück um 80 Jahre ist aufschlussreich. „Wenn aber Arbeiter oder Angestellte oder Beamte politisch rechtsorientiert sind, so aus politischer Unklarheit, das heisst aus Unwissen über ihre soziale Position. Je unpolitischer ein Mensch aus der grossen Masse der Werktätigen ist, desto leichter wird er der Ideologie der politischen Reaktion zugänglich. Dieses Unpolitischsein ist (…) eine Abwehr des sozialen Verantwortungsbewusstseins.(2) Wilhelm Reich untersuchte in den 1930-ern den Aufstieg Hitlers und von faschistischen Bewegungen. Erschreckend viele Parallelen zum aktuellen Populismus tun sich da auf: Nationalismus, Rassismus, Argumentationsverweigerung, Rekurs auf Familie und Volk, Antiintellektualismus, Kapitalismuskritik.

Als Islamkritik verkleideter Rassismus ködert die Unterschichten. Mit ihrer Globalisierungs- und (Gross-) Kapitalkritik erreichen die Rechtspopulisten auch die Mittelschicht. Wie damals: „Ohne das Versprechen, den Kampf gegen das Grosskapital aufzunehmen, hätte Hitler die Mittelstandsschichten nie gewonnen.“ (2) Nationalistisch begründeter Protektionismus kaschiert die ebenfalls vorangetriebene neoliberale Mobilisierung, also Beschränkung der Wohlfahrt, Privatisierungen, Staatsabbau etc. So vereinen Rechtspopulisten verschiedenste Interessenlagen. Totz der Widersprüche gewährt die über alles gereckte schützende Hand das einigende, glaubwürdige Sicherheitsversprechen.

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US-Polittainment – give the audience what they want

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Doch die Showeinlagen des Politainments bleiben letztlich leere Versprechen: Jörg Haider trieb Kärnten in den Ruin. Antipolitiker Silvio Berlusconi hinterliess eine desillusionierte Gesellschaft in einem Land am Abgrund. Der libertäre Diktator Augusto Pinochet überzog Chile mit Terror und schaffte sein durch Korruption erschlichenes Vermögen ins Ausland. Die SVP will raschere Asylverfahren und dann doch wieder nicht. Und Donald Trump fährt seine Unternehmen gleich reihenweise gegen die Wand.

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Showdown in Schützengräben

Auf die Alternativlosigkeit des zwanghaft Initiative und Motivation fordernden Spätkapitalismus reagieren Menschen zunehmend depressiv oder panisch. Den Zumutungen zum Trotz will uns das Politainment immer mehr vom selben als Garant für Wohlergehen in Freiheit aufhalsen. Um vom Imperativ der libertären Mobilisierung abzulenken, sollen wir uns an einer glorifizierten Volksfreiheit ergötzen.

„Ich bin kein Politiker, ich kümmere mich nicht um Kritik. Ich sage das, was die Leute denken.“ (3) Silvio Berlusconis Selbstverständnis als Antipolitiker deckt sich mit jenem Donald Trumps: Ich will Präsident in einem Land werden, das bankrott ist und deshalb einen erfolgreichen Geschäftsmann braucht.“ Die Abgrenzung von einer auch hierzulande zutiefst verabscheuten Classe politique signalisiert den Argwohn gegenüber widerspruchsfreudigen Institutionen wie Parlamenten, Gerichten oder Medien und somit einer rechtsstaatlichen Demokratie.

Stattdessen soll eine Art Unternehmerdemokratie entstehen, was mit der Forderung nach (mehr) direkter Demokratie geschickt kaschiert wird. Hinter der angeblichen Souveränität des Volkes verbirgt sich jedoch genau das Gegenteil. Die Machtbalance zwischen Souverän, Parteien, Parlament, Staat und Wirtschaft wird gebrochen, Macht zentralisiert und von autoritär vertretenen Privatinteressen dominiert. Solche Tendenzen sind nicht nur in Putins Russland, Orbans Ungarn oder dem Italien Berlusconis sichtbar, sondern auch in der Schweiz, wo die SVP mit ihren Volksinitiativen und Referenden den parlamentarischen Betrieb oft erfolgreich aushebelt. Diese zunehmende Machtkonzentration bei einer Partei ist nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger. Schon gar nicht, wenn Unternehmens(anti)demokraten Macht bündeln, um mit ihren libertär/neoliberalen Projekten klammheimlich vorindustriell anmutendes Arbeitsethos mit Vertragslosigkeit und mangelndem Arbeitsschutz durchzusetzen.

Das fördert die für funktionierende Märkte so wichtige Ungleichheit. Den ausgleichenden Einfluss politischer Kollektive gilt es zu eliminieren, denn sie sind eine stete Konkurrenz und Gefahr für die spätkapitalistische Ordnung. Time to get tough titelt Trump. Er verkörpert trotz seiner schollenverbundenen Globalisierungsskepsis alles, wofür die Republikanische Partei steht. „Wir befinden uns in einer Situation, wo wir wieder an die Arbeit gehen müssen, um Amerika wieder gross zu machen. Das gilt für uns alle.“ (4) Für ihn ist Wettbewerb ein Zauberwort. Bis auf den Moment, wo die „illegalen Einwanderer, welche den Leuten hier, die eigentlich ein Recht darauf hätten, die Jobs wegnehmen“. (4)

Unterwerfung und Auslese sind die vom Neoliberalismus längst verinnerlichten, faschistischen Tugenden. Ob Blocher, Strache oder Trump, sie alle wären mit Adolf Hitler einig, „dass jede Planwirtschaft mir zu leicht die harten Gesetze der wirtschaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumindest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigen Durchschnitts auf Kosten der höheren Fähigkeit, des höheren Fleisses und damit zu Lasten des allgemeinen Nutzens.“

Sie pauken und trumpeten. Die neofaschistischen Tendenzen aktueller (anti-)politischer Strömungen sind nicht zu übersehen. Mir scheint, wer nicht ganz weltfremd ist, dürfte die Gefahr erkennen. Jetzt!

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Nachtrag vom 19.5.2016

Donald Trump wandelt sich zum Charmebolzen. Seit er seine Konkurrenten aus dem Rennen gekickt hat, schlägt er ruhigere Töne an. Ähnlich wie Profi-Fussballern war ihm bislang kein Foul zuwider. Nun, da der Mist geführt ist, gibt er sich kulant und winkt artig lächelnd in die Kameras. Und er sitzt im Interview mit Megyn Kelly, die er nach ihren kritischen Fragen monatelang verunglimpfte. Jetzt aber gibt er sich versöhnlich. Versprochen, er werde sich künftig zurückhalten… und hey, sie hätte doch bestimmt schon Schlimmeres erlebt als sein Anwürfe.

Ein weiterer Winkelzug Donald Trumps. Fragt sich, warum jemand gewählt wird, der sich dermassen zu verbiegen weiss. Bei dem nie klar ist, wofür er eigentlich einsteht. Ob er überhaupt für irgendwas einsteht. Oder alles nur peinlich aufgeplustert ist, so wie sein eingesalbter Teint und die zurechtgeföhnte Tolle. Trump ist seine ureigene, kleine Traumfabrik. Die Amis scheinen Trash-Movies zu lieben…

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(1) aus Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.5.2016

(2) aus „Die Massenpsychologie des Faschismus“ von Wilhelm Reich

(3) aus „Die neuen Rechten in Europa“ von Peter Bathke/Anke Hoffstadt (Herausgeber)

(4) aus „Crippled America“ von Donald Trump (zitiert bei „Unser Mitteleuropa“)

Beitragsbild: John D. Rockerduck im Disput mit Donald Trump

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Empfehlungen

„Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa“, Rosa-Luxemburg-Stiftung

„Die republikanische Realityshow – eine Krise der Demokratie“ von Carlo Strenger (NZZ)

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