„Das Problem ist, dass Ihr Linkslastigkeit nicht erkennen könnt, weil ihr alle aus der gleichen politischen Ecke kommt.“ So kommentiert die „Ehrenamtliche Qualitätskontrolle für mit Zwangsgebühren finanzierte Medien“ auf Twitter die Sondersendung des Echo der Zeit über Medien in der Vertrauenskrise. Seit es JournalistInnen gibt, werden sie von Menschen in Machtpositionen denunziert. Das soll die Glaubwürdigkeit beschädigen. Mit Erfolg.

Wilhelm II. schimpft sie 1893 als „verkommene Gymnasiasten“ und „Hungerkandidaten“.(1) Als im Sommer 1953 ein paar Pioniere im Zürcher Bellerive-Studie zu senden beginnen, wettert ein Aktionskomitee gegen das Fernsehen über die Amerikanisierung der bodenständigen, einheimischen Bevölkerung. 1961 provoziert das TV-Gespräch mit einer Prostituierten eine Anfrage im Nationalrat: „Ist der Bundesrat nicht auch der Auffassung, dass eine derartige Sendung einer Propaganda für ein verwerfliches Gewerbe gleichkommt und ist er bereit, beim Fernsehen zu intervenieren, damit künftig ähnliche Sendungen unterbleiben?“(2) Die SVP trägt 1972  ihren Unmut mit zwei Postulaten ins Parlament. Sie ist sicher, dass „in weiten Kreisen der Bevölkerung ein Unbehagen über die oftmals ungenügende Objektivität und Ausgewogenheit gewisser Fernsehsendungen herrscht.“(3)

Der vom Pressedienst der SVP und bürgerlichen Parlamentariern gegründete Hofer-Club schliesslich attackiert jahrelang die SRG. Der Sozialist Helmut Hubacher sagt 1972 im Parlament: „Mit viel publizistischem Aufwand und einem enormen Kontrolleifer hat unser Ratskollege Walther Hofer die Behauptung lanciert, das Fernsehen (…) sei eigentlich zum Revolutionsinstrument subversiver Unterwanderer geworden und die Information, vor allem die Tagesschau, befänden sich sozusagen in den Händen der politischen Linken, ergo sei ungefähr alles gefährdet, was unsere politische Landschaft so lieblich macht.(3)

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Eco

Teamarbeit beim Fernsehen mit linken Moderatoren, Kameraleuten, Beleuchterinnen… 

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Seit Jahrzehnten also tragen Bürgerliche dieselbe Litanei vor. Wir können daraus schliessen, dass die Watchdogs der vierten Gewalt ihre Arbeit gut machen und den Mächtigen konzentriert auf die Finger schauen. Das ist erst noch populär beim Publikum, was nicht nicht nur die Mächtigen stört, sondern auch Leute, die sich mit den Aggressoren – den Autoritäten aus Wirtschaft und Politik – identifizieren oder es als vorteilhaft erachten, sich mit ihnen zu verbünden. Im Internet verschaffen sich diese Akteure eine Bühne. So hat es eine Gruppe junger Rechtsbürgerlicher dank sozialen Medien sogar geschafft, über 100’000 Unterschriften zu sammeln. Deshalb werden wir bald über die Abschaffung der Gebührengelder und damit der SRG abstimmen.

Die andauernde Klage über linke Medien gründet auf der eigenen, politisch-versehrten Heimatsuche und Verunsicherung. Ein Zustand, der nach fortwährender Bestätigung in politisch eindeutig gefärbten Manifesten verlangt und Kontroversen verabscheut. Rechtskonservative Millardäre wie die SVP-Politiker Christoph Blocher oder Walter Frey geben diesem Publikum in ihrem weitreichenden Mediennetz eine nachrichtendienstliche Heimat. Die breite Öffentlichkeit jedoch ist mit dem Programmangebot zufrieden. Je nach Umfrage geniessen SRG-Medien sehr hohe oder gar höchste Glaubwürdigkeit – zusammen mit der NZZ. Objektiv betrachtet, gibt’s daran eigentlich auch nichts zu rütteln.

Öffentliches Radio und Fernsehen erfüllt nach wie vor Forumsfunktionen. SRG-Sender repräsentieren recht gut das politische Spektrum und damit die Kräfteverhältnisse. Stimmen extrem rechter oder linker Gruppierungen sind allerdings kaum vertreten. So lange zum Beispiel Naturschutz gesellschaftlich akzeptiert ist, das Anzünden von Ticketautomaten oder Flüchtlingsheimen aber nicht, so lange werden eben eher Naturschützer porträtiert als Brandstifter. Die Brandstifter finden sich im Nachrichtenblock und kaum unter wohlwollender Betrachtung. Problematisch ist nun, dass politische Positionen immer weiter auseinander driften. Gerade die SVP wird immer radikaler bei gleichzeitig steigender gesellschaftlicher Akzeptanz. Die Sender stecken im Dilemma, denn sie können die wählerstärkste Partei nicht einfach von der Bildfläche verschwinden lassen. Nun sind Linke empört über die vielen Auftritte von zugespitzt rechten Politikern und die wiederum fühlen sich oft unfair behandelt.

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schnitt

…Redaktorinnen, Cutter, Tonmeister, Produzentinnen, Regisseure – alles Linke! (A)

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Den Linken zu rechts und den Rechten zu links. Aber nur wer nicht weiss, wie Beiträge für audiovisuelle Medien entstehen, kann sich derart auf die politische Ausrichtung von JournalistInnen fixieren. Journalismus ist Teamarbeit. An einem Stück arbeiten Kamera- und Tonleute, Cutterinnen, Sprecherinnen, Redaktoren, Produzenten und Redaktionsleiter. Die redaktionelle Aufgabenteilung und das Bemühen um Ausgewogenheit unterdrückt Eigeninteressen und schleift politische Gesinnungen weitgehend. Die auf Nützlichkeitserwägungen und Rentabilitätsorientierung basierenden Organisationsstrukturen der Sender repräsentieren ausserdem den in der Schweiz dominierenden ökonomischen Imperativ. Der von Teilen der Öffentlichkeit immer wieder kolportierte verbeamtete Larifari-Groove ist ein Relikt aus den 1970-ern und nicht weniger Denunziationsrhetorik als der Singsang von den linken Schurnis.

Radio- und Fernsehstudios sind also keine Tummelfelder für linke Hippies und Schwule etc, sondern wie andere Unternehmen Sach- und Produktionszwängen unterworfen. Das und nicht politische Ausrichtung wirkt sich auf die Programme aus: „Dieses auf Hierarchie und Legalität fixierte Informationsprinzip vermittelt politische Sachverhalte auf einer Ebene, wo für den Empfänger der Zusammenhang mit den eigenen unmittelbaren Interessen und Bedürfnissen keine Konkretisierung erfährt.“(4) Aus den Identifikationsdefiziten heraus entwickeln sich allerlei Verschwörungsphantasien – beispielsweise von der linken Journaille, der Lügenpresse oder einer Ergebenheit gegenüber der SVP.

Die andauernden Angriffe von rechts gegen die als linkslastig verschriene Umsetzung des demokratisch legitimierten Auftrags öffentlicher Medien verschleiert die Tatsache, dass sich auch die SRG längst dem neoliberalen Verwertungszwang unterwerfen musste. Letztlich geht es darum, auch noch die Mindestanforderungen an den Programminhalt zu eliminieren und damit den letzten Rest an irgendwie bildendem, kulturell ansprechendem Inhalt.

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(1) aus „Der Redakteur als Schlüsselfigur im Kommunikationsprozess der Zeitung“, Rüdiger Hentschel

(2) aus „50 Jahre Schweizer Fernsehen – zum Fernseh’n drängt, am Fernseh’n hängt doch alles“

(3) aus „Der Hofer-Club“, Roger Blum in Schweizerischer Jahrbuch für Politische Wissenschaft

(4) aus „Nachrichten und gesellschaftliche Interessen – Überlegungen zu einer öffentlich-rechtlichen Misere“, Michael Geyer (in Solidarität gegen Abhängigkeit, Herausgeber Ulrich Paetzold, Hendrik Schmidt)

(A) Bilder von SRF

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