Angenommen, Sie brauchen eine neue Heizung. Würden Sie Ihren Autohändler fragen, welches Heizungssytem er bevorzugt? Würden Sie sich vor dem Autokauf bei Ihrer Coiffeuse erkundigen, ob sie einen Benziner, Diesel, Hybridantrieb oder das Elektroaggregat zum Verkauf empfiehlt? Kaum! Aber genau so geht der Verband Schweizer Medien (VSM) vor. Er hat Juristen und Ökonomen beauftragt, die Neugestaltung des Programmauftrags der audiovisuellen Medien im digitalen Zeitalter zu definieren.

Mit juristischer und ökonomischer Optik beäugen die dann Medienlandschaft. In der von den Juristen und Ökonomen der HSG und Uni Fribourg verfassten Studie fehlen folglich medienwissenschaftliche Aspekte und Fragen nach Medienqualität. Genau das also, was mich als Medienkonsumenten eigentlich interessiert. Stattdessen immer wieder die Einschränkungen aus „ökonomischer Sicht“ oder „ordnungspolitischer Optik.“ Damit ich nicht zu lange darüber nachdenke, wie sich ständige Kostensenkung mit eben solcher Qualitätssteigerung verträgt, werde ich abgelenkt mit Ausführungen zu „Must-Carry-Regeln“ und „Kostenanlastungssteuern“ oder zum „Legalitäts- und Spezialitätsprinzip“.

Das alles ist präziser als die von der Aktion Medienfreiheit an der HSG bei einem Dozenten für Unternehmenskommunikation bestellte Gefälligkeitsstudie. Die hätte belegen sollen, dass es im Bereich der elektronischen Medien immer bessere und zahlreichere private Angebote gibt. Gelungen ist das nur deshalb, weil die Autoren ohne Programme qualitativ zu differenzieren ESO TV,  Reife Damen TV oder MediaShop in ihre Darstellung integrierten. Ziemlich hanebüchen…

.

TVswiss

Unterhaltungsenvironment mit integrierten Bestellfunktionen; TV der Zukunft (1)

.

Kalbsfilet

Es hat geradezu System, sich nicht mit dem Hauptgegenstand der Programme – den Sendeinhalten – zu befassen, sondern sich auf ökonomische, rechtliche oder technische Aspekte zu beschränken. „Jeder wirtschaftliche, technische, rechtliche und administrative Aspekt (…) wird eingehend analysiert und erbittert umkämpft. Nur ein Faktor spielt im Sinnen und Trachten der Industrie keine Rolle: das Programm, stellt Hans Magnus Enzensberger schon 1988 fest, was ihn nicht weiter wundert: „Auch der Buchdruck hat es nicht an Versuchen fehlen lassen, sicher der immer lästiger werdenden Inhalte zu entledigen.“(2) Ebenso die vom VSM finanzierte Studie. Die Juristen und Ökonomen der HSG und Uni Fribourg sinnieren nur über die „Auswirkungen der technischen, ökonomischen und rechtlichen Entwicklung.“

Mit dieser Selbstbeschränkung knöpfen sich die Autoren auch die Geschichte der SRG vor: „Historisch war das Hauptargument für eine staatliche Intervention im Bereich der audiovisuellen Medien vor allem der technisch bedingten Fixkostendegression geschuldet.“[100](3) Mittlerweile seien Fixkosten aber massiv gesunken und die technischen Restriktionen weggefallen. „Ein Marktversagen in Form eines natürlichen Monopols liegt heute nicht mehr vor.“[100] Die reine Kosten-/ Nutzenrechnung der Ökonomen führt aber auf einen falschen Pfad. Richtig ist, das Radio gilt schon früh als strategisch wertvolles Kommunikationsmittel, da die Radiowellen auch über Feindesland oder über das Meer hinweg einen Informationsaustausch ermöglichen.“(4) Von Anfang an also ging es um originäre Informationsquellen und den Schutz vor äusseren Einflüssen.

Auch Jahre später beim Fernsehen: „Die Einführung des Fernsehens in der Schweiz wurde in den 50er-Jahren also weniger von einem Grundsatzentscheid geleitet als vielmehr vom Glauben an die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts und vom Willen, gegenüber der Entwicklung im Ausland nicht ins Hintertreffen zu geraten (…) La télévision a pris un développement si soudain et si étendu dans le monde que notre pays doit franchir des étapes à pas de géants pour ratrapper le retard, sous peine d’être éliminé de la carte du monde.“(5) Das gilt auch heute noch. Vielleicht schon lange nicht mehr so sehr, wie heute.

Unsere Autoren sehen das anders. Für sie ist es kein Problem, dass ausländische TV-Anbieter 60 Prozent oder mehr Marktanteil halten. Im Gegenteil: „Für die Konsumenten birgt diese Integration grosse Vorteile und wenige potenzielle Nachteile. [14, 155, 159] Der Zugang zu einem sehr vielfältigen Fernsehangebot ist per se von Vorteil.“ [156]  Die Rede vom sehr vielfältigen Fernsehangebot ist ideologisch angereichert. Die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer beschränken sich selbst auf ein halbes Dutzend Sender. Wer die Nutzungszahlen genauer studiert, stellt fest, dass in der Deutschschweiz gerade mal zehn Sender – inklusive SRF1 und SRFzwei – 65 Prozent des Publikums unter sich aufteilen. Das restliche Drittel der Mediennutzung verteilt sich auf hunderte weitere, meist ausländische Sender. Schweizer Private erreichen während der Primetime lediglich 8.4 Prozent des Publikums.(6) Trotzdem behauptet die Studie, die eher schwache Nutzung der schweizerischen Privatsender sei „weit eher dadurch zu erklären, dass ein bedeutender Teil dieser Nachfrage bereits durch die SRG befriedigt wird.“ 159] 

Parteiisch bewerten die Autoren auch die Wettbewerbssituation im Werbemarkt.[148] Die TV-Werbeumsätze seien zwischen 2010 und 2014 von 669 Millionen auf 772 Millionen gestiegen. Das zeige, wie stark die SRG auf dem Werbemarkt vertreten sei. Was der ökonomischen Theorie der Autoren widerstrebt, erfahren wir nicht: die Umsatzsteigerung kommt allein ausländischen Privatsendern mit ihren in der Schweiz ausgestrahlten Werbefenstern zugute. Nur diese Netto-Werbeumsätze steigen in den vier Jahren und zwar von 200 auf 304 Millionen, während die der SRG und der einheimischen Privaten stagnieren. Der Trend akzentuiert sich 2015: private schweizer Sender verlieren 4.4 Prozent Umsatz, gebührenfinanzierte Sender sogar 8.1 Prozent. Im Gegensatz dazu legen ausländische Werbefenster um 3.9 Prozent zu.(7) So viel zur medienökonomischen Praxis!

Weiter mit der Studie und also reiner Theorie: „Programmteile im Unterhaltungssegment könnten potenziell vollumfänglich von privaten Anbietern abgedeckt werden (…) Dass der verfassungsrechtliche Leistungsauftrag die Unterhaltung mit erwähnt, ist daher nicht ökonomisch begründbar…“[168] Ein Fazit ganz nach Gusto der Verleger, den Auftraggebern der Studie. Die wollen sich schon lange die Filetstücke der Fernsehproduktion einverleiben. Denn nur (billig produzierte) Fernseh-Unterhaltung verspricht den Verlagen ein paar zusätzliche Gewinne. Beiläufig schleicht sich in diesem Moment noch einmal etwas Praxis in die Studie: „Angenommen wird vor allem, dass Radio und Fernsehen die Presse in ihrer Existenz gefährden könnten, indem sie wichtige Werbeeinnahmen aus dem Printbereich abschöpfen.[179]  Wie wir gesehen haben, verlagern sich die Werbeeinahmen aber nicht zur SRG, sondern ausschliesslich zu ausländischen Sendern und deren Vermarkterin und Quasimonopolistin Goldbach Media. Hier kommt Natalie Rickli – Stabsmitglied der Geschäftsleitung von Goldbach Media – ins Spiel. Sie arbeitet im Parlament und mit dem Interessenverband Aktion Medienfreiheit inbrünstig an der Privatisierung von SRG-Leistungen. Damit bugsiert sie auf politischem Weg ihren hartnäckigsten Konkurrenten aus dem Markt. Es ist offensichtlich, dass sowohl der VSM als auch die Werbevermarkterin und Rechtspopulistin Rickli auf die rund 360 Millionen Franken vom Werbekuchen einer aufgelösten SRG schielen. Das ist der wesentliche, medienökonomische Aspekt der ganze Geschichte.

.

TVBLum

Digitale Traumlandschaften, better than reality

.

Kalbsbratwurst

Gewinne privatisieren – Lasten vergemeinschaften. Das Motto der Wirtschaftsliberalen zieht sich auch durch die vorliegende Studie. Unter dem Anspruch Opportunitätskosten abzuwägen, wird da gepunktet, bewertet, fakturiert. Schliesslich folgt ein „Vorschlag mit drei Hauptkomponenten“[20,248]: Mehrere Medienkommissionen entscheiden nach der Sendung (!), welche Inhalte und Formate gefördert werden. Die Gelder werden entsprechend des effektiven Konsums (ex post) vergeben. Schliesslich soll das Parlament die Höhe der Gesamtsubvention festlegen und erst noch über die Gewichtung von Inhalt und Konsum bei der Zuteilung des Subventionsvolumens entscheiden. Gegenüber der aktuellen Situation ist das sowohl medienökonomisch (weil viel komplexer, schwerfälliger, bürokratischer) als auch medienrechtlich (weil neu faktisch Staatsprogramme gesendet würden) völlig unsinnig.

Der Vorteil für private Produzenten jedoch ist augenscheinlich: ohne die SRG gäbe es einen quasi geöffneten Markt für alle interessierten Programmanbieter. Statt wenige Produzenten mit Gebührengeldern zu versorgen, würde die „Finanzierung von Inhalten“[239] möglich, meinen die Juristen und Ökonomen der HSG und Uni Fribourg. Nun also doch noch Inhalte – na ja, die Finanzierung von Inhalten… anstelle von Institutionen.

Als Beispiel wird NZ on Air, Neuseeland angeführt. Zwar mit Abstrichen. Kritisiert würden regelmässig „Finanzierungsentscheide, z.B. wegen Verschwendung oder Patronage…“[239] Genauer ist da der Monotoring Report „Finanzierung des öffentlichen Rundfunks“ des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich: „Durch die (…) implementierte neoliberale Medienpolitik hat die Komplexität der Rundfunkfinanzierung stark zugenommen.“ Zudem würden quotenstarke Sendungen bevorzugt und subventionierte Beiträge in Randzeiten abgeschoben. In einer vom Freiheitsinstitut (sic) Prometheus in Auftrag gegeben Studie (die unsere Ökonomen und Juristen oft zitieren) lesen wir vom hohen Werbeanteil im neuseeländischen Fernsehen, der geringen Qualität und Vielfalt von Informations- und Nachrichtensendungen. Trotz aller Mängel scheint das neuseeländische System eines mit Steuergeldern finanzierten Staatsfernsehens ein Leuchtturm im neoliberalen Verständnis der neuen Medienordnung. Und das nur, weil der Preis tief ist.

Dabei ist die Logik der Ökonomie der Grund dafür, dass Fernsehen immer schlechter wird. Um die vielen Programmstunden zu füllen, verwursten Anbieter das, was am ehesten Profit abwirft. Daraus mischen sie eine ungeniessbare Menge an Einheitsbrei. Um das festzustellen, genügt ein Blick auf den Bildschirm. Mappen voller medienökonomischer Studien hätten man sich sparen können.

Die Bürgerinnen und Bürger dürfte weniger der ökonomische als der publizistische Wettbewerb interessieren. Darüber redet aber niemand gern. Auch nicht über fehlende Anforderungen und Qualitätskontrollen privater Programmanbieter. Diese geniessen nur deshalb so viel Freiheit, weil im dualen Mediensystem die gebührenfinanzierten Sender ein paar Ansprüchen genügen müssen. Die Gebührensender sind das Korrektiv zur weitgehenden Schundproduktion der Privaten. Denn Medien- und Meinungsfreiheit sollte nach wie vor sozialen Nutzen haben, anstatt sich nur marktwirtschaftlichen Optimierungszwängen unterzuordnen. „Gegenstand der medienverfassungsrechtlichen Beurteilung ist nicht die Chance für die Verwirklichung  wirtschaftlicher Interessen (…), sondern die auf publizistischem Wettbewerb aufbauende Funktionsfähigkeit der Medienordnung, die der Sicherung der Medienfreiheit auch und in erster Linie als Meinungsbildungsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger dient.“(8) 

Mir scheint, die privaten Verleger möchten das goldene Kalb SRG zur Schlachtbank führen. Vom Kadaver nehmen sie sich die Filetstücke. Bildlich gesprochen bleiben dem Publikum nur die im Akkord verarbeiteten Wurstwaren. Bei entsprechendem Konsum macht Wurst dick und krank.

.

(1) TV-Erlebnis der Zukunft aus der Swisscom Werbung, Juni 2016

(2) aus „Die vollkommene Leere“

(3) aus „Neugestaltung des Programmauftrags der audiovisuellen Medien im digitalen Zeitalter“ – die [Nummer] entspricht der Absatznummerierung der Studie

(4) aus „Die Gesichte des Radios in der Schweiz von 1911-2008“

(5) aus „Radio und Fernsehen in der Schweiz – die Geschichte der SRG 1958-1983“ (Mäusli, Steigmeier) – Zitat Georges Borel, Nationalrat 9.6.1954

(6) Zahlen gemäss „Jahresbericht Deutsche Schweiz 2015“ von mediapulse.ch

(7) Zahlen gemäss „Werbeaufwand Schweiz“ der Stiftung Werbestatistik Schweiz

(8) aus „Thesen zur Regulierung der dualen Rundfunkordnung“ von Wolfgang Hoffman-Riem

 

 

Beitragsbild: SRG Deutschschweiz,  „Warum No Billag no SRG heisst“

Advertisements