„Ich sitz zu Hause, keine Lust zu gar nichts. Ich fühl mich alt. Im Sumpf wie meine Omi – Ich schalt die Glotze an.“(1) Das Fernsehpublikum ist alt oder fühlt sich so. Das ahnt schon Nina Hagen. In der Zeitung lesen wir, den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern würden die Jungen davonlaufen. Privaten geht es aber genau so. Das zeigt der Bericht des Bundesrates über den medialen Service public in der Schweiz.

Als junger Mensch, so zwischen 18 und 30, besass ich keinen Fernseher. Interessierte mich nicht. War genug anderes los. Ich zahlte brav meine SRG-Gebühren, so, wie ich anstandslos das Dreifache dessen für den Militärpflichtersatz und ein Vielfaches für sonstige Steuern abdrückte. Im Tausch gab es Annehmlich- und Notwendigkeiten: tolle Badis, schicke Trams, Kultur, Sicherheit, Ausbildung, anständige Arbeitsverträge… Ist auch heute noch so. Aber die Jungen – sagen zwar alle Alten – sind irgendwie anders geworden. Sie wollen alles, jetzt, sind verrückt nach Medien, Pay-TV, Netflix, Networks… und das möglichst gratis oder schön abgepackt im Einzelverkauf.

Die Couch-Potatoes sind heute vernetzt, konsumieren Soft-News, Spass-Filmchen, Messages und daten im Multitasking. So, wie für mich einst Ghettoblaster, Disco oder Töffli, so gehört das Internet heute zum Freizeitrepertoire der Jungen. Bloss verändert das Internet das Freizeitverhalten umfassender. Noch viel mehr als einst der Rock’n’Roll.

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Tägliche Mediennutzung in Minuten und die am häufigsten genutzten Onlineangebote (2)

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Fernsehen, chatten, Musik hören – all in one. Gleichzeitig. Das ist der Grund, weshalb Junge so viel Zeit im Internet verbringen. Nicht, weil die TV-Sender die Entwicklung verschlafen hätten. Tatsächlich schauen Kinder nur noch halb so lange fern wie noch vor zwanzig Jahren und die bis 30-Jährigen ein Drittel weniger. Erst seit zehn Jahren sinkt die Nutzungsdauer frappant. Also seit das Internet boomt. Das zu Usern gewordene junge Publikum hängt sich bei whatsapp, Google und Facebook und selten bei schweizerischen Softnews-Portalen ein (Grafik oben). Wer von den Jungen tatsächlich noch fernsieht, schaut die Serien der ausländischen kommerziellen Sender, etwas auch SRG-TV und noch weniger 3+ etc, also dort, wo scripted-reality Produktionen mit um die Bachelorette balzenden Dumpfbacken oder ledigen Bauern auf Brautschau punkten. Ein solches Programmangebot drückt das Durchschnittsalter des Publikums der kommerziellen Privaten auf 43 Jahre. Bei Fernsehen SRF ist das Publikum im Durchschnitt 58 Jahre alt. Noch älter, nämlich 60 Jahre, sind nur noch die Zuschauerinnen des konzessionierten Regionalfernsehens in der Deutschschweiz.

Wir könnten uns nun fragen, ob es gesellschaftlich sinnvoll ist, wenn junge Menschen kommerzielle private Programme schauen und dabei Weltbilder von pitoyabeln Pseudo-Dokus oder im Akkord produzierten, amerikanischen Klamauk- und Killerserien vermittelt bekommen. Wäre es nicht gescheiter, sie würden gar nicht fernsehen? Wären sie nicht weniger irritiert, würden sie sich nicht im Internet auf von Pornowerbung finanzierten Filmportalen tummeln? Vielleicht müssten wir uns die Frage stellen, ob alles, was möglich ist, auch gut und nötig ist?

Der umfassende Bericht des Bundesrates zum medialen Service public öffnet viele solcher Fragestellungen. Und er gibt Antworten. Das interessiert aber kaum jemanden und ganz sicher niemand, der für kommerzielle Programme verantwortlich ist oder mit deren Inhalt Geld verdient.

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Freie Wahl im Markt: Kung Fu Panda wollen, gratis ficken bekommen

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In seinem Bericht berücksichtigt der Bundesrat die Qualität der Programme und deren Wirkungsweise, anstatt nur das marktwirtschaftliche Potential zu selektieren. Er kommt daher zum Schluss: „Die Bevölkerung soll in allen Sprachregionen Zugang zu gleichwertigen, qualitativ hochstehenden und sachgerechten Angeboten erhalten (Seite 115). (3) Medien können allein unter marktwirtschaftlichen Bedingungen die Leistungen nicht erbringen, welche aus gesellschaftlicher Sicht erwartet und verfassungsrechtlich verlangt werden“ (Seite 20). Er meint auch das Internet. Damit verstösst der Bundesrat gegen ein von der dominierenden politischen Szene gehütetes Tabu. Denn die betrachtet die mediale Versorgung nur aufgrund ökonomischer Gesetze und will deregulieren, privatisieren… profitieren. Privatisierungsantreiber meinen Medienanbieter-Vielfalt, wenn sie von Medienvielfalt sprechen. Den Begriff Medienvielfalt lancierten sie, um die Programmeinfalt der Privaten zu kaschieren. Angestrebt wird ein Publikum von ungleich behandelten KundInnen anstelle von gleichberechtigten BürgerInnen.

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Marktradikale Politik als vorherrschendes Dogma

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Die marktradikalen Akteure wollen nur darüber diskutieren, „welche Leistungen der Staat zwingend erbringen muss und welche Private nicht anbieten können oder anbieten wollen“ (sic). Ganz nach dem Grundsatz: Gutschriften den Unternehmern, Lastschriften der Allgemeinheit. Die Aktion Medienfreiheit (de-)klassiert denn auch die knapp 150 Seiten starke Auslegeordnung der Landesregierung als unvollständig und stimmt das übliche Lamento an, das folgt, wenn öffentliche Güter vor der Ausbeutung durch Marktkräfte geschützt und der Bevölkerung erhalten bleiben sollen. Nun weisen Kritiker landauf, landab auf das hin, was im Bericht fehle, anstatt zu diskutieren, was im Bericht steht.

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Medialer Dienst an der Gesellschaft

Der Bundesrat ist der Meinung, dass die Vorteile des aktuellen Mediensystems „den ökonomischen Nachteil der Wettbewerbsverzerrung durch eine grosse nationale Anbieterin überwiegen. (Seite 93) Es handelt sich hier um einen eigentlichen Dienst an der Gesellschaft, nicht um ein rein subsidiäres Angebot für den Fall von Marktversagen“ (Seite ii). Diesen Dienst an der Gesellschaft wertet der Bundesrat höher als die marktwirtschaftlichen Selberverwirklichungschancen einiger Unternehmer. Als Gratiszugabe gibt’s erst noch eine publizistische Konkurrenz, die auch den kommerziellen Medien ein Mindestmass an Qualität abverlangt.

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zufrSRG massgeblich in Professionalität, Glaubwürdigkeit, Ausgewogenheit, Informationsgehalt (2)

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In einem rein privatwirtschaftlich organisierten Medienmarkt wie es beispielsweise die No-Billag-Initiative verlangt, also ohne Konkurrenz durch öffentliche Qualitätssender oder kontrollierte Richtlinien, würde der publizistische Wettbewerb unter den Anbietern elektronischer Medien innert kürzester Zeit kollabieren. Das stört in Ländern mit anspruchsloseren demokratischen Prozessen wie den USA oder Neuseeland etwas weniger. In der Schweiz aber wählt die Bevölkerung nicht nur alle paar Jahre Präsidenten oder Parlament. Direkte Demokratie stellt hohe Anforderungen an die Staatsbürgerinnen und bedingt ein qualitativ gutes, attraktives und frei zugängliches Mediensystem. Auch das stellt der Bundesrat fest.

Nur die Störmanöver der Privatisierungsantreiber lässt er aussen vor. Die verlangen mit der gründlichen Bestandesaufnahme aber vor einer vertieften Diskussion gleich auch noch umfassende Einschränkungen der SRG. Sie wollen geklärt haben, „ob die zwingenden Leistungen nicht auch bei einem tieferen Budget erbracht werden könnten“. Mirakulöser Sinneswandel. Denn ein Jahr zuvor war es noch umgekehrt. Die Kritiker meinten, zuerst müsse der Service public genau definiert werden. Danach erst könnten die Stimmberechtigten über die Änderung der Gebührenerhebung entscheiden. Nun, da der Bericht nicht nach Fasson der SRG-GegnerInnen geraten ist, heisst es lapidar, die Landesregierung hätte die „Zeichen der Zeit nicht erkannt.“ Die trotzige Anspruchshaltung täuscht kaum über das Argumentationsdefizit hinweg, wenn Natalie Rickli sagt: „Ich will kein staatlich subventioniertes und kontrolliertes Internet.“

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finanzierungWas Private produzieren würden? Wenig, bei derart schlechtem Finanzierungsgrad

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Die Landesregierung hat die Zeichen der Zeit sehr wohl erkannt! Und erst noch plausibel dargelegt. Auch, warum sie das Service public Angebot ins Netz-Zeitalter hinüber retten will. Die formulierten Ziele sind zukunftsträchtig und kommen der ganzen Gesellschaft zu gute. Verlegern und Werbevermarktern versprechen sie aber kaum zusätzliche Profite. Deshalb wird die marktradikale Mehrheit im Parlament den Bundesrat (und die eigene Bevölkerung) weiterhin in den Würgegriff nehmen und mit aller Kraft versuchen, dem medialen Service public den Hahn zuzudrehen.

 

(1) aus „TV-Glotzer“, Nina Hagen Band

(2) aus dem bundesrätlichen Bericht zum Service public

(3) Seitenzahl „Bericht zur Überprüfung der Definition und der Leistungen des Service public der SRG unter Berücksichtigung der privaten elektronischen Medien“ in Klammern

 

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