Einige Initianten propagieren die Inhalte ihrer Volksinitiativen äusserst unzimperlich. Aggressive Darstellungen ubiquitär plakatiert und Inseratekampagnen mit mehr oder (meist) minder redlichem Inhalt sind Usus. Jetzt bieten sich zudem soziale Medien an, um in der Öffentlichkeit Stimmungen anzuheizen, die dazu bewegen sollen, Anliegen einer Initiative als Lösung für ein bisher nicht vorhandenes Problem wahrzunehmen.

Die jungen Rechten aus FDP, SVP und Unabhängigkeitspartei gehen hier besonders zielstrebig vor. Die scheinen sich in der Stimmenvermehrung via möglicherweise manipulierter und/oder Mehrfach-Accounts auszukennen. Sie mobilisieren vor allem auf Facebook, wo „Ja zur Abschaffung der Billag-Gebühren“ immerhin 60’000 Usern gefällt.

Nun, da die Initiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren zustande gekommen ist, nutzen die Initianten jede Möglichkeit, um in sozialen Medien oder Kommentarspalten von News-Portalen die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Beispielhaft unverfroren kürzlich wieder, nachdem der Bundesrat seinen Bericht über den medialen Service public präsentierte. Auf ihrer Facebook-Seite schreibt das Initiativkomitee von einem Riesenskandal und „Totschweigen der No-Billag-Initiative“, obschon Doris Leuthard während der Medienkonferenz die Initiative erwähnt. Dazu wird im Posting auf einen Artikel von 20min.ch verlinkt und aufgefordert, an der Publikumsbefragung teilzunehmen.

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759 Mal geteilter Aufruf zur Umfrage bei 20min.ch (1)

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Hunderttausende lesen täglich 20min.ch oder blick.ch. Vor allem junge User. Wer Artikel kommentiert, erreicht ein Riesenpublikum. Herausstechen kann, wer einseitig und mit einem Schuss Boshaftigkeit schreibt. Was die dann an Bewährtem vehement beklagen und ablehnen, ist oft nur augenreibend zu bewältigen. Auffällig ist das massive Ungleichgewicht zwischen ablehnenden und affirmativen Reaktionen. Hier exemplarisch der von No Billag verlinkte Artikel:

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Mit Likes manipuliertes Ranking einschlägiger Kommentare?

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Die Halbwertszeit eines News-Artikels ist sehr kurz. Dennoch ist erwähnenswert, dass die „beliebtesten Leser-Kommentare“ innerhalb einer Viertelstunde (13:35 bis 13:50) verfasst wurden. Nach 14 Uhr geschriebene Kommentare bekommen viel weniger Likes und Dislikes. Das Verhältnis zwischen Zustimmung und Ablehnung variiert stark. Die Stimmung bleibt jedoch massiv ablehnend. Eine Stunde nach dem Aufmerksamkeits-Peak bei 20min.ch ruft No Billags Facebook-Account dazu auf, an der 20min.ch-Umfrage teilzunehmen.

Drei Tage später folgt ein weiteres Posting. Konsequent wird behauptet, 150’000 Unterschriften seien mit der Volksinitiative eingereicht worden. Es waren aber nur 112876. Auch den kürzlich heftig kritisierten Bericht der Landesregierung hat der Facebook-Autor offensichtlich noch immer nicht gelesen. Stattdessen wird das Ergebnis der Umfrage von 20min.ch präsentiert. Jener Umfrage also, zu deren Teilnahme No Billag vor kurzem noch User aufgerufen hat.

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Klares Verdikt dank hunderter organisierter Klicks 

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Welche der 2128 Antworten von No Billag-Freunden stammen, ist natürlich nicht zu belegen. Ich weise lediglich auf die Mobilisierung hin, die eigenartige Koinzidenz und die später folgende Implementierung in den Diskurs. „Es wird Zeit, dass die volksferne politische Klasse auch endlich realisiert und ernstzunehmen beginnt“, kann No Billag nun als Reaktion auf etwas verlautbaren lassen, das ihre Aktivisten selbst massgeblich herbei führten. So also wird öffentliche Meinung gemacht und verstärkt – indem Angebote von Informationsmedien gezielt interaktiv verwertet und manipuliert werden.

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Wut sticht Wahrheit

Wer eine Volksinitiative lanciert, muss sich nicht fundiert mit einem Themenbereich befassen. Intensiv erlebte Ereignisse (Verwahrungsinitiative) oder persönliche Ressentiments (Minarettinitiative) genügen schon. Ähnlich ist es bei No Billag. Unter den Initianten scheint die Konzentration an Wirtschaftsfachleuten zwar ebenso hoch, wie deren Kenntnisse medienökonomischer Zusammenhängen gering ausfallen. Mit anarchokapitalistisch gestimmter Ideologie werden Medienproduzenten oder Sockenfabriken über denselben Kamm geschert.

Nicht einmal grundsätzliche Informationen bemühen sich die Aktivisten einzuholen. So schreibt die Gruppe auf Facebook, „die sprachlichen Minderheiten sind nicht auf eine zwangsfinanzierte SRG angewiesen. Dass sich auch in der viersprachigen Schweiz ein Tätigwerden für private Anbieter lohnt (…), zeigt ein Blick in die aktuelle Medienlandschaft. Dazu werden Sender genannt, deren Einnahmen sich im Durchschnitt zu über 40 Prozent aus Billag-Gebühren speisen.

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twwet

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Kurz nachdem ich via Twitter interveniere, ändert No Billag klammheimlich den Text.

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voicreg

Links konkret aber falsch – rechts wischiwaschi und wenigstens nicht nachweislich falsch

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Auch die engagiertesten Politaktivisten können Fehler machen. Fehler haben hier aber eigentlich System. Das fängt schon beim Initiativtext an. Wer vorgibt, Journalismus zu bekämpfen weil dieser unter anderem illegal, (von wem auch immer) abhängig oder unter Realitätsverweigerung leide, sollte selbst nicht ständig dem verfallen, was er dem Gegner vorwirft. Andrerseits vermittelt No Billag sehr schön, was uns ohne unabhängige seriöse Medien dereinst blüht: noch mehr toxische Bullshit-Produktion. Wut sticht Wahrheit entgegnet da Sascha Lobo vielleicht. No Billag-Befürworter und Nationalrat Claudio Zanetti würde ihm darauf so antworten:

.zani

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(1) Ja zur Abschaffung der Billag-Gebühren bei Facebook

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