Für Adam und Eva läuft es wie geschmiert. Essen, Trinken, alles da. Kein Schmerz. Kein Gedanke. Erst mit dem verbotenen Apfel fängt der Ärger an. Adam und Eva nehmen sich einen Happen Freiheit. Und bezahlen mit Ausgrenzung. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Schlecht und Recht bricht ein in die Harmonie. Das Fruchtfleisch der Erkenntnis öffnet die Augen. Was sie erkennen, ist Bedürftigkeit. Tausende Jahre später versuchen wir immer noch, den Mangel zu beheben. Das Wettbewerbsprinzip von Angebot und Nachfrage soll’s richten. Das hat Bedürftigkeit partiell verringert. So gefangen wie jetzt, waren die Menschen vermutlich aber schon lange nicht mehr.

Wettbewerb erhöhe die Produktivität – so das Mantra. Das klappt derart unbekümmert, dass sogar die Meere bald vom überproduzierten Müll verunreinigt sind. Am meisten profitiert, wer die erzielten Gewinne abschöpft. Von der Behaglichkeit sickert nur wenig durch in untere soziale Schichten. Selbst der Internationale Währungsfonds – Inbegriff neoliberalistischer Zwangshandlung – äussert sich mittlerweile kritisch zu den Risiken des zur Tugend umgedeuteten Diktats. Dabei erwähnen die Ökonomen des IWF noch nicht einmal Umweltzerstörung, neofeudale Einkommensunterschiede, lohndrückende Arbeitslosenheere oder auf kriegerische Rohstoff-Sicherung folgende Fluchtbewegungen.

Sie reden auch nicht von den Zwängen, denen wir uns hier in den Komfortzonen der Produktivität unterwerfen. Aus dem Verbot (Du darfst nicht) bei Adam und Eva wurde das Versprechen (Du darfst alles (müssen). Die Aussicht auf persönlichen Gewinn und ein besseres Leben durch Wachstum diszipliniert ganz von selbst. Und wir meinen noch, es sei zu unserem Vorteil.

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kohli

Den Zwang kaschierende Selbstdisziplinierung und Anerkennung

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Wer die in motivierendem Verheissungsgroove gesteckten Ziele nicht erreicht, bestraft sich selbst mit Gewissensbissen und Versagensängsten. Nach gelungener Triebkontrolle entspannen wir uns dagegen bei Erfolgserlebnissen angereichert mit Triumphgefühlen. Wie im gegenwärtigen Leistungsarrangement Freiheit und Zwang miteinander verschmelzen – zum Beispiel in der Erwerbswelt – beschreibt die Künstlerin Marianne Flotron. Im Gespräch mit Sylvia Sasse vom Blog Geschichte der Gegenwart spricht Flotron über ihre Theaterinterventionen in Grossfirmen. Im Projekt Work arbeitete sie mit Angestellten eines Holländischen Versicherungsunternehmens.

Das Freiheitsversprechen von individuell wählbarer Arbeitszeit erweist sich als Regime selbststeuernder Unterwerfung: „Dass jeder die Schuld bei sich und nicht beim System sucht, ist für mich einer der zentralen Punkte. Wir sind selber zuständig für unseren Erfolg. Zu sagen, dass wir unter­drückt sind, kommt einem Versagen gleich. Und darum wird darüber nicht gesprochen, was Unter­drü­ckung wiederum möglich macht. In Work ist das überall ersichtlich. Zum Beispiel, wenn eine Angestellte im Stück die vom Vorge­setzten gesteckten Ziele nicht erreicht und sich immer mehr in ihre Arbeit vergräbt. Sie hinter­fragt nicht die Ziele oder die Firma, sondern nur sich selber. Inter­es­san­ter­weise sagte ein Vorge­setzter uns so nebenbei, dass die Ziele immer zu hoch gesteckt sind. (…) Die Arbeit­nehmer sprachen aber durchweg nur davon, wie unglaublich toll ihre Arbeit ist, wie toll es ist, für diese Firma zu arbeiten – und vor allem auch, wie toll diese Form von Arbeit ist. Sie gaben uns, wie du sagst, die Firmen­ideo­logie wieder, die übrigens in jeder freien Ecke der Firma auf einem Plakat steht: Freiheit, Verant­wortung und Vertrauen (…) Bei dem Wort Freiheit versteht man recht schnell, dass es um die Freiheit geht, selber zu entscheiden, wann und wo man arbeitet. Es geht also um eine recht restriktive Bedeutung, die nicht viel mit Freiheit zu tun hat. Das Wort wird aber so oft gebraucht, dass man die enge Konno­tation zu vergessen beginnt.“(1) 

Quantifizierung und Taxierung durchdringt nicht nur das Erwerbsleben, sondern auch Privates: „Denn im Grunde ist doch die Ehe nichts anders als eine vertragliche Verpflichtung beider Parteien zur Lieferung bestimmter Inputs zur Aufteilung des Haushalts-Outputs. Um nun einen kostspieligen Prozess der ständigen Verhandlungen und Kontrollen des täglichen häuslichen Tauschverkehrs und seiner zahllosen Verträge zu vermeiden, legen beide Parteien im vornhinein die allgemeinen Tauschbedingungen langfristig fest.“(2)

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maeder

Ohne den Tausch gegen Geld ist Arbeit Nichtstun

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Ihre Grundbedürfnisse befriedigen die meisten Menschen vertraglich gesichert und von Prozessen der Natur unbeeindruckt. Die Erfahrungen kollektiver Überlebensanstrengungen bleiben ihnen fremd. So breitet sich die Gewissheit aus, für alles selbstverantwortlich zu sein. Das gelingt insofern, als sich das Wohlergehen auf das Erreichen ökonomischer Ziele und die Berechenbarkeit und Versicherung von Risiken konzentriert. Das funktioniert aber nur im Umfang, wie sich natürliche Ereignisse oder zwischenmenschliche Beziehungen bewerten und sich diesen Bewertungen unterwerfen lassen. So gleichen sich unsere Beziehungen ökonomischen Prozessen an. Nicht umgekehrt.

Menschen limitieren sich selbst, indem sie ihr Erleben streng kategorisieren – indem sie nach körperlichen Drill den Anblick undisziplinierter Models vermeiden, indem sie erwerbsfreie politische Arbeit ausschliessen (siehe Tweets oben). In den nach aussen abgesicherten Enklaven des Erlebens sind wir verführt zu glauben, die Ereignisse kontrollieren zu können. Doch auch wer den Klimawandel leugnet, Migrationselend in Lifestylesteigerung ummünzt oder Umweltverschmutzung banalisiert, ist letztlich darauf angewiesen, Lebensräume zu erhalten. Und sei es bloss, um Business zu machen.

Den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse propagieren vorzugsweise jene, die mit reichlich bedingungslosem Grundvermögen gesättigt sind. Kein Wunder: den Produktivitätszwang können sie vom Arbeitsertrag an das Geldvermögen delegieren. Damit lässt sich gelassen zu den malochenden Arbeitnehmern – die ja ihre Arbeit den Arbeitgebern geben und daher die eigentlichen Arbeitgeber sind – rüber blicken und es reizt, kollektive Solidarität aufzukündigen..

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zwangsscherrer

Gier ist die „Bedürfnisbefriedigung auf Kosten der Gesellschaft, ohne selbst bereit zu sein, die Bedürfnisse von anderen durch eine Arbeit befriedigen zu wollen“(3)

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Wo biologische Gesetze Assimilationsbemühungen unausweichlich machen, sollen sie privater Initiative überlassen bleiben. Je mehr wir die Verbundenheit mit der Gesellschaft einem exzentrischen Freiheitsstreben opfern, desto drängender gehen einige den Sozialversicherungssystemen an den Kragen. Dass Menschen untereinander unabhängig von Konto – und sozialem Stand gleiche Zuwendungen bekommen, mögen jene nicht akzeptieren, die aufgrund ihrer Vermögensvorteile seit je her bevorzugte Behandlung gewohnt sind. Sie sind es, die das einzig wahre Menschenrecht ausrufen, das Recht in Ruhe gelassen zu werden, insbesondere das Recht, von Bedürfnissen (undisziplinierter) Mitmenschen unbehelligt zu bleiben. .

Sie verheimlichen ihre eigenen Sicherheitsnetze, wenn sie den weniger Begüterten mit einem Zitat von Benjamin Franklin erklären, was diese (nicht) verdienen: They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.“ Leere Freiheitsversprechen. Einigen verheissen sie Selbstverwirklichung, den meisten bleibt bloss Selbstverwirkung. Wenigstens schützen Gesetze vor absoluter Willkür. Noch…

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messi

Politisierende Schaulustige beklatschen Steuerbetrüger

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Gesetze sind in Rechtstexte gefasste Vernunft. Wenn Staatsfeinde unvernünftig Verbrechen schützen, gar belohnen wollen, dann ist die Freiheit aller in Gefahr. Montesquieu schreibt: „die politische Freiheit besteht nicht darin, zu tun was man will. In einem Staat, das heisst in einer Gesellschaft, ihn der es Gesetze gibt, kann die Freiheit nur darin bestehen, das tun zu können, was man wollen darf, und nicht gezwungen zu sein, zu tun, was man nicht wollen darf (…) Freiheit ist das Recht, alles zu tun, was die Gesetze erlauben. Wenn ein Bürger tun könnte, was die Gesetze verbieten, so hätte er keine Freiheit mehr, weil die anderen ebenfalls diese Macht hätten.“(4) Befreit von Gesetzen gälte nur noch das Ausmass an Macht. Von der haben die Verfechter des Selbstverwirklichungszwangs schon jetzt mehr als ihnen zusteht.

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Kleintuch

Wie so oft bei Freiheitsversprechen: Yves Kleins Sprung – ein Fake

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(1) aus Blackbox Büro. Künstlerische Intervention am Arbeitsplatz“

(2) J.L. Migué aus „Méthodolgie économique“ zitiert von Henri Lepage in „Die Geburt der Biopolitik“ von Michel Foucault

(3) aus „Das Ende des Kapitalismus“ von Elmar Altvater

(4) aus „Teilung der Staatsgewalt als Garantie politischer Freiheit“ von Charles-Louis de Secondat Montesquieu

 

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